Verhalten & «Doggish»

Hunde brauchen ein soziales Umfeld, oder «Rudel», in dem sie sich entwickeln können.
Deshalb müssen Hundehalter und Hundetrainer zwingend die Sprache der Hunde lernen!

Wenn die Grundlagen und das Umfeld, für jeden einzelnen Hund individuell, nicht vorhanden sind, sind auch die Voraussetzungen für die Erziehung und Ausbildung nicht ausreichend gegeben und die Wahrscheinlichkeit eines unerwünschten Verhaltens erhöht sich erheblich.

Nachhaltige Erziehung und Ausbildung von Hunden beginnt mit der Ausbildung des «anderen Endes der Leine». Der Hundehalter muss erkennen und akzeptieren, dass er meistens der entscheidende Teil im Puzzle ist – es gibt nur sehr wenige echte «Problemhunde».

Der Hundebesitzer muss in der Lage sein, seinem Hund ein Umfeld zu geben, in dem er wirklich ein Hund sein kann. Er braucht ein Umfeld, in dem er sich geschützt und sicher fühlt, artgerechte Bewegung bekommt, artgerecht lernen, spielen und Erfahrungen sammeln kann. Zudem benötigt er, nicht zuletzt um sich aufgehoben zu fühlen, klare und authentisch konsequent umgesetzte Leitplanken.

Der Hundehalter muss lernen, seinen Hund vorausschauend, ruhig und souverän zu «lesen», coachen, begleiten und führen, damit der Hund zum Hundehalter Vertrauen aufbauen kann. Nur wenn der Hund Vertrauen entwickelt und sich sicher und aufgehoben fühlt, kommt er zu Ruhe und ist er in der Lage, sich zu konzentrieren und zu lernen. Dabei lernt und erfährt der Hund auch, dass der Hundehalter seine beschützende Verantwortung wahrnimmt, was wiederum die Voraussetzung für ein belastbares Grundgehorsam und Sozialverhalten ist. Der Hundehalter ist der Mentor, Coach und sinnbildlich der «Rudelführer» seines Hundes.

Die richtige Sozialisierung und Erziehung des Hundes dient dazu, dass der Hund lernt, innerhalb welchem Rahmen er sich frei bewegen und entfalten kann. Durch die soziale Unterstützung des Hundehalters entsteht eine vertiefte Bindung und Vertrauen zwischen Halter und Hund, in welcher der Hund lernt, mit seinen Freiheiten verantwortungsbewusst umzugehen und der Hundehalter sich traut, ihm auch diese Freiheiten uneingeschränkt zu geben.

So entsteht ein Team, eine Einheit. Hund und Hundehalter bieten sich gegenseitig ihre Kooperation an und wollen mit einander arbeiten und lernen. Der Hund baut zu seinem Halter eine belastbare Beziehung und Bindung auf, nicht zu Spielzeugen, Leckerlis und anderen Hunden, welche richtigerweise sekundär werden.

Rituale und Routinen

Auch benötigt er Rituale und Routinen, welche als Stützen im Alltag dienen und ihm eine Struktur geben. Unterschätzen Sie nicht die Wichtigkeit von artgerechter, emotionaler und körperlicher Nähe. Lernen Sie z.B. warum gewisse Hunde immer auf etwas Abstand von ihrem Halter bleiben, was das sogenannte «Kontaktliegen» in einem Rudel bedeutet und geben Sie Ihrem Hund, was er benötigt und in seiner eigenen «Sprache».

Insbesondere bei ängstlichen und unausgeglichenen Hunden ist ein strukturierter Alltag, Rituale und Routinen von sehr grosser Bedeutung. In der Natur ist Angst nicht nur ein Lernprozess, sondern auch ein Überlebensgarant. Nur vorsichtige Wölfe und Hunde leben lange. Das Alarmsystem triggert eine Reaktion auf einen Angstauslöser und hilft dem Hund zu entscheiden, wie mit der Situation umgehen – genau wie beim Menschen.

Der Hundehalter muss aber sicherstellen, dass die Auslöser von Angst beim Hund sich nicht durch Fehlverknüpfungen verselbstständigen und zu Angstaggression führen, sondern durch Lernprozesse und Desensibilisierung rechtzeitig abgewendet werden können. Deshalb ist das Umfeld, wie oben beschrieben, von sehr grosser Bedeutung – die Mehrheit der Verhaltensauffälligkeiten entstehen aus Angst oder Unsicherheit.

Unix – 8 Wochen alt
DER WICHTIGE UNTERSCHIED ZWISCHEN Beziehung, SOZIALISIERUNG, ERZIEHUNG UND AUSBILDUNG

Oder, warum 70% der Hunde auffälliges Verhalten zeigen und warum die Mehrheit der Hundeschulen bei 70% der Hundehalter nicht nachhaltig erfolgreich sind:

Die  B E Z I E H U N G  zwischen Hund und Halter ist das Fundament. Genau wie in der zwischenmenschlichen Beziehung basiert diese auf Vertrauen, Respekt, Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit, Authentizität etc. Damit der Hund in der Lage ist, Zugehörigkeit zu empfinden, braucht er von seinem Halter auch ein hohes Mass an Ruhe, Souveränität, Authentizität, Belastbarkeit und Konsequenz. Wenn die Beziehung nicht stimmt, wird der Hund auch nicht mit dem Halter kooperieren wollen, ausser möglicherweise eine materielle Belohnung ist da.

Unter  S O Z I A L I S I E R U N G  (soziales Lernen) versteht man den gesamten Lernprozess, welcher den Hund zu einem gesellschaftlich angepassten Wesen macht und umfasst auch die aktive Auseinandersetzung des Hundes mit den gesellschaftlichen Anforderungen. Die Sozialisierung hört nie auf, sondern findet während der Lebenszeit eines Hundes statt.

Die  E R Z I E H U N G  ist Bestandteil der Sozialisierung. Darunter bezeichnet man die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten des Hundes, d.h. der Lernprozess, der den Hund befähigt, ruhig und gelassen auf die Umgebung zu reagieren und somit ein harmonisierendes Sozialverhalten zu erlernen.

Unter  A U S B I L D U N G  (formales Lernen) versteht man die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, z.B. «Sitz!», «Platz!», Apportieren etc. In diesem Kontext verwende ich auch den Ausdruck «Aufgabenausbildung», um keine Verwirrung zu stiften.

Heutzutage werden die meisten Hunde mehrheitlich ausgebildet. Dabei wird die wichtige Beziehungs-, Sozialisierungs- und Erziehungsarbeit unter dem Vorwand neuer «Forschungserkenntnisse im Lernverhalten des Hundes» vernachlässigt.

Es trifft zu, dass man die Forschungserkenntnisse im Lernverhalten des Hundes bzw. Konditionierung mit Clicker, Leckerlis, Spielzeuge im Bereich der (Aufgaben-) Ausbildung gezielt einsetzen kann – so werden z.B. auch Delfine ausgebildet, um Kunststücke vorzeigen zu können.

Es trifft aber nicht zu, dass die Methoden in der Aufgabenausbildung als Ersatz für den zielführenden Beziehungs-, Sozialisierungs- und Erziehungsaufbau der Hunde eingesetzt werden können. Es handelt sich hier um völlig unterschiedliche Ebenen!

Oder etwas plakativ ausgedrückt – auch beim Mensch kann man soziale Konflikte und Verhaltensauffälligkeiten leider nicht mit Gummibärchen lösen.

Gerne möchte ich dies nachfolgend vertieft beleuchten, da es für einen instabilen Hund von immenser Wichtigkeit ist.

Welches unerwünschte Verhalten zeigt mein Hund, welches sind die Ursachen, und über welche Bausteine, in welcher Reihenfolge, kann ich diese beheben?

Unabhängig davon, ob ein Hund problematisches Verhalten zeigt, oder nicht, eine vertrauens- und respektvolle Beziehung ist die Voraussetzung für eine gute Sozialisierung & Erziehung, was wiederum die Voraussetzung für eine belastbare Ausbildung ist. Das heisst, unglückliche Hunde, Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten entstehen dann, wenn Hundehalter und Hundetrainer die wichtigen Abhängigkeiten nicht ausreichend berücksichtigen.

  • Ein Hund, der die ruhige und gelassene Freiablage nicht schafft, weil er immer noch unsicher ist, braucht meistens eine Kombination von Beziehung, Sozialisierung und Erziehung. Ausbildung wäre hier nicht zielführend und eher als Manipulation oder Bestechung zu betrachten.
  • Bei einem Hund der sich immer wieder von der Sitz-/Bleib-Position löst, geht es nicht primär um Aufgabenausbildung, sondern zuerst bei sich selbst zu prüfen, was die mögliche Ursache ist. Sehr oft hat es damit zu tun, dass der Hundehalter gelernt hat, den Hund zu loben, wenn möglich sogar mit Leckerlis, wenn er zu ihm kommt. Der Hund versteht aber nicht, dass er sowohl für das Bleiben, wie auch für das Kommen belohnt wird – das ist menschliches Denken – sondern nur für das Kommen. So hat er zunehmend gelernt, sich aus dem Sitz zu lösen. Deshalb ruft man einen Hund, der sich im Aufbau befindet, niemals ab, sondern geht ihn dort abholen, wo man ihn platziert hat. So lernt er, dass Sitz tatsächlich Sitz bedeutet, dass er abgeholt wird und sich keine Sorgen machen muss, dass man ihn dort vergisst. Als der Hundehalter zum Hund zurückkommt, bleibt der Hund in Position Sitz und wird dafür ruhig gelobt, «fein Sitz». Also, hier muss zuerst das Wissen/Können beim Hundehalter aufgebaut werden, damit die Beziehung gestärkt wird.
  • Ein Hund, der Aggression gegen Artgenossen zeigt, weil er sich beim Halter nicht aufgehoben und sicher fühlt, braucht primär eine bessere Hund-Halter Beziehung, nicht Ablenkung, Ausbildung und Konditionierung.
  • Damit ein Hund zu einem zuverlässigen und belastbaren Hund wird, muss die Beziehung zum Halter aufgebaut werden und der Sozialisierung und Erziehung viel Aufmerksamkeit geschenkt werden, damit der Hund die notwendige Stabilität und soziale Sicherheit bekommt und zwar bevor er ausgebildet wird.
drei unterschiedliche Dimensionen

die Bausteine für die Entwicklung zu einem zufriedenen Hund.
oder, was Hundehalter und Hundetrainer zu tun haben
Beziehung

Aufbau der Kompetenz (Wissen, Können und Bereitschaft) des Hundehalters, damit der Hund sich aufgehoben, wohl und sicher fühlt, und eine starke Bindung zwischen Hund und Halter entstehen kann, d.h.:

LERNEN
– Die Sprache der Hunde, «Doggish»
– Reflektion, das eigene Verhalten analysieren
– 100% Konzentration und Beobachtung

VORLEBEN
– Vertrauen, Respekt
– Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit
– Authentizität
– Belastbarkeit, Stabilität
– Ruhe, Souveränität, Konsequenz

UNTERNEHMEN
– Gemeinsame Bewegung, «Rudellaufen»
– Nähe, Zuneigung, soziale Unterstützung

SOZIALISIERUNG & ERZIEHUNG
(Soziales Lernen)

Der Lernprozess, der den Hund befähigt, ruhig und gelassen auf die Umgebung zu reagieren, sowie die Einflussnahme des Hundehalters, welche den Hund mit den Erwartungen der Gesellschaft kompatibel macht, d.h.:

FÖRDERN, DAMIT DER HUND LERNT
– Sich in der Gesellschaft unauffällig zu verhalten

– Sich an die Umwelt und Gesellschaft anzupassen
– Sich am Menschen zu orientieren
– Mit dem Menschen zu kooperieren
– Sich gegenüber anderen Tieren und
   Artgenossen korrekt zu verhalten

EINFORDERN, DAMIT DER HUND
– Den Halter als Mentor und Bezugsperson wahrnimmt
– Regeln, Leitplanken und Grenzen akzeptiert
– Benimmregeln / Grundgehorsam zeigt
– Vertrauen und Zugehörigkeit zum Halter entwickelt

AUSBILDUNG
(formales Lernen)

Aufbau von Fähigkeiten und Fertigkeiten Aufgaben auszuführen. Dient oft als Ersatz für die Arbeit, welche Hunde früher hatten und damit der Hund ausreichend geistige und physische Beschäftigung bekommt.

GRUNDAUSBILDUNG
Fuss, Sitz, Platz, Bleib, Hier, Arbeit ohne Leine etc.

WEITERBILDUNG
Apportieren, Fährtenarbeit, Flächensuche, Begleithundausbildung etc.

SPEZIALAUSBILDUNG
Begleithund, Behindertenhund, Therapiehund, Diensthund, Lawinenhund, Katastrophenhund, Drogenhund, Sprengstoffhund etc.

 

BEZIEHUNG, Sozialisierung, ERZIEHUNG ODER AUSBILDUNG - aber wie?

«Oft sehe ich Hunde, die sich punkto Aufbau in der unteren linken roten Ecke (A1, B1, C1) befinden, z.B. Strassenhunde, die aus dem Ausland eingeführt wurden, oder Hunde, die das falsche oder unausgewogenes Training bekamen.

Der erste Schritt ist immer nach oben auf der Achse A, d.h. die Beziehung zwischen Hund und Halter aufbauen oder verbessern. Leicht zeitversetzt kann man anfangen das Sozialverhalten, Achse B, in einer sehr ruhigen Umgebung, mit möglichst wenig Störfaktoren und Ablenkung, zu prägen. Wenn ich merke, dass eine Beziehung entsteht und die Zeichen einer Bindung zum Halter vorhanden sind, kann ich anfangen, die ersten Elemente der Erziehung einzubauen (siehe Definitionen oben). Ein Schritt nach oben, ein Schritt nach rechts, ein Schritt nach oben, ein Schritt nach rechts etc.

Verzichten Sie in diesem Stadium auf Ausbildung und Konditionierung mit Leckerlis oder Spielzeuge, d.h. Achse C. Sie wollen, dass der Hund zu Ihnen eine Beziehung und Bindung aufbaut. Loben Sie den Hund authentisch, für was er gut macht und zeigen Sie ihm, dass Sie sich darüber freuen. So freut er sich, er lernt in seiner eigenen Sprache, will sich am Halter orientieren und mit Ihnen kooperieren.

Gehen Sie mit Ihrem ausgewachsenen Hund täglich 5 – 10 km zusammen «im Rudel» laufen, anstatt vier Mal hektisch 15 Minuten. So entsteht Ruhe und Gelassenheit, beide können ihre Werkzeugkästen aufbauen und das Risiko von Missverständnissen und Konflikten reduzieren.

Sobald Sie in der Lage sind, mit Ihrem Hund in einer ruhigen Umgebung, z.B. im Wald, anderthalb Stunden entspannt laufen zu gehen, können Sie die Umweltreize steigern und z.B. in eine ländliche Umgebung, mit etwas Verkehr, Lärm, Gerüche, Menschen und Artgenossen, laufen gehen. Wenn Ihr Hund auch in dieser Umgebung Gelassenheit und Anschluss zeigt, gehen Sie mit ihm in die Stadt und bauen Sie die Belastbarkeit weiter auf. Zeigt Ihr Hund Unsicherheiten bei einem der zwei Letztgenannten, gehen Sie eine Stufe zurück. Fühlen Sie sich noch etwas unsicher, steigern Sie die Belastung nicht, sondern arbeiten weiter auf dem bisherigen Niveau. Warum? Weil der Hund ihre Unsicherheit spürt und diese übernimmt. Die Vorstufe richtig aufzubauen ist immer die Voraussetzung für die nachfolgende Stufe.

Nutzen Sie die Gelegenheiten, die natürlich entstehen, um Ausbildung zu integrieren. Wenn er von sich aus Sitz macht, sagen sie «Sitz!» und loben Sie ihn, sobald er sitzt, «fein Sitz!». So fängt er an, das Wort Sitz mit seiner Handlung zu verknüpfen und die Ausbildung geht schnell vorwärts.

Die grüne Ecke, oben rechts, bedeutet Beziehung 3, Sozialisierung/Erziehung 3 und Ausbildung 1, was für die meisten Familienhunde mehr als ausreichend ist. Hund und Halter sind zufrieden! Auch die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Hund fängt an, neue Dimensionen anzunehmen. Insofern es gewünscht wird, kann jetzt die gemeinsame Reise auf der Ausbildungsachse C, in die dritte Dimension, anfangen.

Wenn ich meinem Hund z.B. «Leinenführigkeit» beibringen möchte, geht das um ein Mehrfaches einfacher, schneller und nachhaltiger, wenn mein Hund sich bei mir wohl und aufgehoben fühlt – dann will er sich bei mir aufhalten, zeigt Anschluss und ist aufmerksam. Auch für «Rückruf» gilt genau dasselbe – wenn mein Hund sich gerne bei mir aufhält, muss ich den Rückruf nicht sonderlich ausbilden oder trainieren, sondern er kommt freudig, sobald ich ihn rufe.

Eine gute und belastbare Beziehung und Bindung zwischen Hundehalter und Hund ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Erziehung und Ausbildung. Erkennt der Hundehalter nicht, dass die Beziehung und Bindung nicht ausreichend ist, greift er oft zu Leckerlis oder Zwang, was nicht zielführend ist!

Deshalb bin ich auch kein Befürworter davon, dass man einem unsicheren Hund, der zu seinem Halter zu wenig Anschluss zeigt, mit Leckerlis oder Spielzeuge probiert davon zu überzeugen. Dann zeigt der Hund möglicherweise «eine Art Leinenführigkeit», aber nur so lange er etwas Materielles bekommt. Danach ist er wieder weg und zwar dorthin, wo er sich wohler, sicherer und aufgehobener fühlt.

Genau das Gleiche ist der Fall, wenn der Aussenreiz (Reh, Haase, Fahrrad, anderer Hund etc.) stärker wird als der Wunsch etwas Materielles zu bekommen. Oft erlebe ich Hunde, die ausserhalb ihrer gewohnten Umgebung gar nicht auf Leckerlis, oder Spielzeuge ansprechen, weil sie sich z.B. zu unsicher fühlen, oder Angst haben. Oder, sie holen sich schnell ein Leckerli und hauen wieder ab. Hunde sind Opportunisten …

Gleichzeitig sehe ich aber auch das Gegenteil. Vor ein paar Jahren hatte ich eine Begegnung mit einem extremen Spielzeug-Junkie –  ohne ihre Beisswurst ging nichts und ihre volle Konzentration galt der Beisswurst. Seine Halterin war für die Hündin inexistent und wurde höchstens als «die Person mit der Beisswurst» wahrgenommen. Wie war es so weit gekommen?

Die Beagle-Hündin wurde schon als sehr jung auf ihre Rolle als Spürhund im Gepäckraum am Flughafen vorbereitet und ausgebildet. Der grösste Teil ihrer Jugend bestand darin, mit der Nase zu arbeiten und für Erfolge, mit der Beisswurst belohnt zu werden. Obwohl die Hündin sehr gut arbeitete, kam die Halterin zu mir, weil sie im Privatleben mit dem entstandenen Suchtverhalten ihrer Hündin überfordert war. Als die Halterin verstand, was hier passiert sei und wie die Dynamik mit den drei Eckpfeilern ABC funktioniert, war ihr alles klar und sie wusste, was sie zu tun hatte.

Deshalb ist es wichtig, das Wort Bindung im Sinne «Vertrauen/Bindung zum Mensch» zu verstehen und nicht im Sinne von «Bindung zum Materiellen», d.h. Leckerlis, Spielzeuge etc. Bestimmt haben Leckerlis einen Stellenwert in der Ausbildung von Hunden, aber aus meiner Sicht erst dann, wenn es um die Perfektionierung von einem bereits ausgebildeten Lernschritt geht.

Ich hoffe, ich habe nachvollziehbar erklärt, warum 70% der Hunde auf dem Spaziergang Verhaltensauffälligkeiten zeigen und warum viele Hundehalter und Hundetrainer ihre Kompetenz unbedingt verbessern müssen.

Die international bekannte Ethologin am Institut für Haustierkunde der Universität Kiel, Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen bestätigte mir: «Man löst Probleme und Konflikte nicht mit Leckereien. Es sind soziale Konflikte, die der Mensch mit dem Hund regeln muss. Statt Salami, Bindung und Vertrauen, den abgesteckten Rahmen, in dem sich der Hund frei verhalten kann, und der ihm soziale Sicherheit bietet.»

DIE fünfte wichtige Fragestellung
Ist es somit möglich, dass ein gut ausgebildeter, aber schlecht erzogener Hund,
perfekt «Sitz!, Platz!, Bleib!» ausführt, aber zugleich z.B. respektlos mit Menschen oder Artgenossen umgeht?
Der Werkzeugkasten des Hundes

Wenn «Verhaltensauffälligkeit» das einzige Werkzeug im Werkzeugkasten eines Hundes ist, wird er auf herausfordernde Situationen mit «Verhaltensauffälligkeit» reagieren, weil er nicht weiss, dass er andere Möglichkeiten hat.

Die Erweiterung des Werkzeugkastens besteht mehrheitlich aus Lernprozessen und Entwicklung, d.h. primär Beziehung, Sozialisierung und Erziehung. Ausbildung ist hier sekundär. Von «Quick-Fix» Lösungen und materieller Manipulation rate ich bekanntlich bestimmt ab.

Lernen Sie über Hunde und Wölfe, über ihre Sprache, Körpersprache und Signale. Lernen Sie, warum Ihr Hund die Position der Rute, der Ohren oder des Kopfes ändert und was das bedeutet.

Besorgen Sie gute Literatur und Filme über das Wesen und Verhalten von Wölfen und Hunde und verzichten Sie auf «Tricks & Tipps»-Literatur und Ratschläge. Eine Korrekturbrille mag für den Einen perfekt, aber für den Anderen unbrauchbar sein.

Verinnerlichen Sie den Unterschied zwischen Sozialverhalten und die Fähigkeit «Sitz!, Platz!, Bleib!, Komm!» Kommandos auszuführen – und erkennen Sie deshalb auch die unterschiedlichen Anforderungen im Training.

Es gibt nichts, was eine artgerechte Haltung und Ausbildung Ihres Hundes ersetzen kann. Jeder Hund ist individuell und doch im Wesen ähnlich. Ziehen Sie kompetente Hundetrainer und -Experten rechtzeitig dazu, wenn Sie nicht sicher sind.

Beobachten – lernen, beobachten – lernen, beobachten – lernen!

ABBRUCHSIGNALE UND KORREKTUREN

Eine immer wiederkehrende Frage, welche ich gerne aus meiner Sicht und Erfahrung beleuchte.

A B B R U C H S I G N A L:

Ein Abbruchsignal verwendet man, um ein Verhalten oder Tätigkeit abzubrechen. Mein Hund hat am Boden etwas was fürchterlich stinkt gefunden und ich will, dass er das sein lässt, weil wir zu Bekannten auf Besuch gehen. Hier kann man z.B. «Schht» verwenden.

Meine Erfahrung ist, dass ein Abbruchsignal neutral und nicht-emotional sein sollte, d.h. mein Hund sollte lediglich das was er gerade vor hat, abbrechen. Deshalb empfehle ich lieber «Schht» als «Nein» oder «Lass das» etc.

K O R R E K T U R:

Das Wort «Korrektur» ist ein unglücklich gewähltes Wort, da es meistens mit Gewalt, Prügel und psychologischem Druck in Verbindung gebracht wird. Dem ist aber nicht so!

Eine Korrektur hat mit Gewalt nichts zu tun, sondern ist Bestandteil der Erziehung (siehe Definition oben). Eine Korrektur verwende ich ausschliesslich dann, wenn der Hund etwas richtig gelernt hat und weiss, was er tun sollte, aber sich nicht daranhält, z.B. mein Hund ist im Umgang mit einem anderen Hund zu grob, oder «begrüsst» eine Person allzu stürmisch.

Hat mein Hund das erwünschte Verhalten nicht gelernt, verwende ich Abbruchsignal, da er eine Korrektur nicht verstehen würde.

Korrekturen mache ich mit einem wohldosierten, tiefen und emotional kontrollierten «NEIN!» und möglicherweise einen Schubs zum Zeigen, dass dieses Verhalten gar nicht in Frage kommt. Je nach Stärke der benötigten Korrektur zeige ich auch mittels Körpersprache, dass dieses Verhalten nicht akzeptabel ist. Warum gebe ich bei etwas stärkeren Korrekturen unter Umständen einen Schubs? Weil der Hund sich dann oft in seiner eigenen Welt/Kopfkino/Rausch befindet und ich ihm, mit dem Überraschungseffekt, so helfen kann, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen. Beim Schubs handelt es sich um einen 200-300 Gramm Schubs in die Seite, nicht um einen Schlag.

Wie weiss ich, wie stark eine Korrektur sein muss? Meine Erfahrung zeigt hier, dass eine Korrektur, welche schwächer ist, als die Kraft/Energie, welche von meinem Hund für das unerwünschte Verhalten eingesetzt wird, nicht ausreichend ist. Genau so, wie eine zu starke Korrektur nicht verstanden und verarbeitet werden kann und deshalb eher zu Unsicherheit und Meideverhalten führt.

Deshalb erachte ich es als sehr wichtig, dass die Kraft der Korrektur (Stimme, Körperhaltung und Schubs) genau auf die Intensität des Fehlverhaltens zu kalibrieren und konsequent eine Stufe stärker zu korrigieren ist, als das Fehlverhalten war. Bildlich gesprochen, wenn mein Hund mit einer Stärke 6 einen anderen Hund grob behandelt, korrigiere ich mit Stärke 7. Stärke 3 ist zu wenig und Stärke 9 ist zu viel.

Eine Korrektur muss unmittelbar passieren, innerhalb einer Sekunde, ansonsten verbindet mein Hund die Korrektur nicht mit seinem Verhalten. Korrekturen, welche der Hund nicht versteht, führen zu Konflikten in der Beziehung mit dem Halter und zu Unsicherheiten beim Hund. Mit einer richtigen Korrektur lernt mein Hund sein eigenes Verhalten einzuschätzen und ich übernehme meine Verantwortung als Mentor und Coach.

Wichtig zu verstehen und unterscheiden ist, dass eine Korrektur dem Hier und Jetzt gilt und keine Verurteilung oder Wertung des Hundes ist. Sobald der Hund sich entspannt und das erwünschte Verhalten zeigt, zeige ich meine Zufriedenheit. Wenn ich 100% sicher bin, dass keine Restspannung vorhanden ist, lobe ich ihn ruhig und authentisch. Warum erst zu diesem Zeitpunkt? Weil ich ihn unter keinen Umständen für seine An- oder Restspannung loben möchte, welche beim Hund zu Fehlverknüpfungen führen könnte.

Diese Art und Weise mit Korrekturen umzugehen hat sich wirklich bewährt und erfordert Feinfühligkeit beim Hundehalter.

Belohnung und Bestrafung

Eine weitere, immer wiederkehrende Fragestellung, ist das Thema «Belohnung und Bestrafung», welches mit Abbruchsignalen und Korrekturen eng verwandt ist. Genau wie bei den Korrekturen, hat Bestrafung nichts mit Gewalt, Prügel und destruktivem Druck zu tun.

In der Lerntheorie, welche für mich als Vorgabe dient, werden die Begriffe wie folgt definiert:

B E L O H N U N G:

Eine Belohnung wird verwendet, wenn man möchte, dass ein Verhalten zunimmt. Hier trennt man zwischen positiver (+) und negativer (-) Belohnung:

Positive Belohnung (+): Etwas Angenehmes wird hinzugefügt
Negative Belohnung (-): Etwas Unangenehmes wird entfernt, oder bleibt aus

B E S T R A F U N G:

Eine Bestrafung wird verwendet, wenn man möchte, dass ein Verhalten abnimmt. Hier unterscheidet man zwischen positiver (+) und negativer (-) Bestrafung

Positive Bestrafung (+): Etwas Unangenehmes wird hinzugefügt
Negative Bestrafung (-): Etwas Angenehmes wird entfernt

Der aufmerksame Leser erkennt sofort, dass die heutige Hundeausbildung mehrheitlich auf «positive Belohnung» basiert, was nicht nur veraltetes Denken ist und das Verhalten eines Hundes auf Reiz-Reaktion, sog. Behaviorismus, reduziert. Inzwischen weiss man viel mehr, der Behaviorismus wurde in der Wissenschaft vom sog. Kognitivismus abgelöst, welches die Komplexität des Hundewesens umfassender berücksichtigt.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne die Publikation «Hunde erfolgreich erziehen ohne Bestrafung – und die Erde ist eine Scheibe» von Dr. Iris Mackensen-Friedrichs empfehlen, deren Meinung und Erfahrungen ich teile. Die Publikation können Sie hier lesen.

Wichtige Punkte für das andere Ende der Leine

Bitte lesen Sie folgende 20 Punkte aufmerksam und verknüpfen sie diese mit den obenerwähnten Eckpfeilern, sie sind fundamental für die solide Entwicklung eines Hundes:

  1. Hunde sind Rudeltiere, genau wie ihre Vorfahren, die Wölfe. Die meisten Hunde würden in der Natur oft nicht alleine überleben, deshalb bilden sie ein Rudel. Es ist Teil der DNA eines Hundes zu kooperieren – sie wollen kooperieren.
    Der Hundehalter seinem Hund ein Umfeld/Rudel geben, in welchem der Hund sich aufgehoben und beschützt fühlt.
  2. Ein Rudel ist eine Sozial- und hierarchische Struktur, in welcher jedes Mitglied definierte Aufgaben und Verantwortungen hat.
    Der Hundehalter muss seinem Hund Aufgaben und Verantwortungen geben – und sein Hund muss verstehen, welche diese sind. Versteht oder bekommt er diese nicht, sind seine Grundbedürfnisse nicht gedeckt und er wird höchstwahrscheinlich mit unerwünschtem Verhalten reagieren.
  3. Ein Rudel bildet die Struktur, um erfolgreich Nahrung jagen, sich gegenseitig beschützen und vermehren zu können.
    Im Rudel des Hundehalters ist der Hundehalter dafür verantwortlich, Nahrung zu jagen bzw. im Schrank zu finden. Er gibt seinem Hund auch den benötigten Schutz vor anderen Rudeln und Gefahren. Deshalb muss er seinem Hund andere Aufgaben geben, damit der Hund sich als Teil seines «Rudels» fühlt.
  4. Ein Rudel ist keine Demokratie; Hunde und Wölfe benötigen eine Hierarchie mit klaren Regeln.
    Der Hundehalter muss die Regeln für sein Rudel definieren, welche genau beschreiben, was erlaubt ist und was nicht. Er muss seinem Hund diese zuerst beibringen und dann mit 100% Konsequenz authentisch einfordern, d.h. Erziehung.
  5. Ein Rudelführer in einem Wolfs- oder Hunderudel erreicht seine Position, weil er kontinuierlich mentale, emotionale und physische Stärke zeigt, d.h. der Hund kann zu seinem Halter Vertrauen und Bindung aufbauen.
    Ein Rudelführer ist immer souverän, ruhig und durchsetzungsfähig. Wölfe und Hunde haben kein Vertrauen und verlassen sich nicht auf einen unruhigen, nervösen und instabilen «Rudelführer».
  6. Nervöse und unruhige Energie vom Rudelführer ist der Anfang einer Abwärtsspirale.
    Hier befindet sich oft eine der Ursachen einer schwächeren Beziehung zwischen Hund und Halter. Hunde gereizt zurechtweisen, anschreien, oder gar schlagen, ist für den Hund nicht nur ein Zeichen von Schwäche anstatt von Stärke, sondern für ihn auch schwer verständlich wenn er dafür bestraft wurde, dass er in einer schwierigen Situation probierte alles richtig zu machen.
  7. «Rudelführer», Mentor und Coach für Ihren Hund zu sein, ist eine 24h / 7 Tage pro Woche Aufgabe, insbesondere bis eine starke Beziehung entstanden und die Erziehung belastbar ist.
    Sobald ein unsicherer Hund das Gefühl hat, die souveräne Führung fehlt, bedeutet dies – in den Augen des Hundes – dass der Hundehalter Führungsschwäche zeigt und somit, dass die Sicherheit des Rudels gefährdet ist.
  8. Ein Hund, der gesamtheitlich gesehen, nicht richtig verstanden und entsprechend geführt wird, zeigt oft unerwünschtes Verhalten. Wenn er sich nicht aufgehoben und beschützt fühlt, reagiert er oft mit nervösem und unerwünschtem Verhalten. Die typische Reaktion des Hundehalters ist Nervosität und Unsicherheit, der Hund wird «korrigiert», was für den Hund nur eine Bestätigung ist, dass die Führungsqualitäten des Halters nicht ausreichend sind. Oft wird aus diesem typischen Ablauf ein Teufelskreis.
    Die «Führungsschwächen» des Hundehalters versetzt den Hund in eine schwierige Konfliktsituation bezüglich Vertrauen zum Hundehalter, da 95% der Hunde nicht als Rudelführer geeignet sind.
  9. Stellen Sie sich kurz vor: Ein unsicherer Terrier geht mit seinem grossen Hundehalter auf einen Spaziergang.  Der Hund zieht an der Leine und zieht seinen Halter mit, was nicht selten zu sehen ist. Der Hundehalter ist mit seinem Smartphone beschäftigt und findet es nicht weiter schlimm, oder ist sich dessen nicht bewusst – deshalb hat man vielleicht auch einen kleineren Hund gewählt. Plötzlich sieht der kleine Terrier einen grossen Rhodesian Ridgeback. Ohne Leine, mit erhobenem Kopf und Rute läuft der Ridgeback selbstsicher und zielgenau auf sie zu. Wie geht der Terrier mit der Situation um, wie geht es ihm dabei und wie reagiert er?
    Der kleine Terrier muss jetzt nicht nur schauen, dass er die bevorstehende Konfrontation übersteht, er muss auch seinen Hundehalter beschützen, da er seinem Hund keine Zeichen gibt, dass er die Situation unter Kontrolle hat.
  10. Plötzlich wacht der Hundehalter doch auf, erkennt die potenzielle Gefahr und wird nervös – und die Leine ist die Antenne zwischen Hundehalter und Hund.
    Der Hund benötigt 100% Führung. Bekommt er nur 70%, muss er die fehlenden 30% selbst ausgleichen.
  11. Wölfe und Hunde haben vier mögliche Verhalten, mit welchem sie potenzielle Konfliktsituationen begegnen können: Nicht nur (1) angreifen oder (2) flüchten, sondern auch (3) ausweichen und (4) ignorieren. Für den kleinen Terrier bedeutet dies, falls die Situation eskalieren sollte, dass er nicht flüchten oder ausweichen kann, weil er an der Leine «gefangen» ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein instabiler Hund eine derartige Situation ignorieren kann, ist höchst unwahrscheinlich. Was bleibt übrig?
    Wer trägt die Verantwortung für das unerwünschte Verhalten des kleinen Terriers, der Hund oder der Hundehalter?
  12. Während Ihr Hund sich in der Grundausbildung befindet und Sozialkompetenz aufbaut, belohnen Sie Ihren Hund mit ruhigem und authentischem Lob. Verzichten Sie aber auf Futter und Spielzeuge als Hilfsmittel, um den Hund zu Leistungen zu motivieren.
    Das Wichtigste ist, dass der Hund eine starke Beziehung, Vertrauen und Respekt zu Ihnen aufbaut und nicht zu den Hilfsmitteln.
  13. Die Sozialkompetenz eines Hundes kann nicht mit Futter gestärkt werden!
    Hundehalter und Hund müssen lernen, wie mit Begegnungen und potenziellen Konfrontationen umzugehen. Dies sind Lernprozesse, sowohl für den Hundehalter, wie auch für den Hund. Mit Ablenkung und Futter lernen weder Hundehalter noch Hund etwas, sondern können bestenfalls nur die Symptome reduzieren.
  14. Hunde denken und fühlen nicht wie Menschen.
    Deshalb ist es auch respektlos vom Menschen, sie wie Menschen zu behandeln und interpretieren. Ich behandle meinen Hund artgerecht, ansonsten hat er keine Chance zu verstehen, was ich wirklich meine – er will mich verstehen und mit mir kooperieren, wenn er sich als Bestandteil meines «Rudels» fühlt.
  15. Ich zeige nicht mit dem Finger auf meinen Hund, wenn er nicht das macht, was ich von ihm erwarte – drei Finger zeigen dabei immer auf mich.
    Die meisten Hunde-Verhalten sind ein Spiegelbild davon, was ich vorlebe.
  16. Viele Hundehalter machen den Fehler, dass sie ihrem Hund zu viel Aufmerksamkeit geben. Augenkontakt, Sprache und Berührung sollte gezielt eingesetzt werden, da diese in der Hundesprache eine grosse Bedeutung haben.
    Der Hund muss nicht immer und für alles was er macht gelobt werden. Man kann ihn ruhig für Lob etwas mehr arbeiten lassen, genau so wie sie im Rudel arbeiten und sich konzentrieren müssen. Ich habe noch nie Rudelführer im Wolfsrudel gesehen, die sich immer wieder umdrehen und sich beim Rudel mit Leckerlis dafür bedanken, dass sie kooperieren. Zu viel Lob schwächt die Wirkung des Lobs, nicht nur beim Hund.
  17. Wenn der Hundehalter seinem Hund immer Aufmerksamkeit (Augenkontakt, Sprache und Berührung) gibt, muss der Hund dem Hundehalter keine Aufmerksamkeit geben. Oft sehe ich z.B., dass Hunde, die wenig Anschluss zeigen, immer wieder von ihren Haltern gerufen werden, ohne jedoch, dass der Hund kommt. Der Hund nimmt den Abruf nicht ernst, aber findet es gut, dass der Halter sich immer wieder meldet und sagt, wo er ist.
    Der Hund soll aufgrund einer starken Bindung lernen, dem Hundehalter Aufmerksamkeit und Anschluss zu geben, nicht umgekehrt. Deshalb darf der Hundehalter nicht seine eigenen Kommunikationsbedürfnisse mit den Bedürfnissen seines Hundes verwechseln.
  18. Die Beziehung zum Hund sollte auf gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Liebe aufgebaut sein. Der Hundehalter muss sich das verdienen bevor der Hund dazu bereit ist – Respekt einfordern geht auch bei Hunden nicht. Viele Hunde sind instabil bevor sie es aufbauen können. Dass ein Hund «Tricks» oder gewisse «Aufgaben» ausführt, z.B. Sitz und Platz, bedeutet nicht, dass die Beziehung auf Respekt, Vertrauen und Liebe aufgebaut ist.
    Es bedeutet in den meisten Fällen lediglich, dass dem Hund beigebracht wurde, etwas auszuführen.
  19. Als Hundehalter und Hundetrainer darf man niemals «Sozialverhalten» mit der «Fähigkeit Aufgaben auszuführen» verwechseln. In der Ausbildung von Hundehalter und Hund gibt es keine «Schnellbleichen», der Hund kann vom Hundehalter nur lernen, was der Hundehalter in der Lage ist zu vermitteln.
    Je mehr Sie Ihrem Hund beibringen für Leckerlis und Spielzeuge zu arbeiten, desto mehr lernt er auch nur für Leckerlis und Spielzeuge zu arbeiten. Für den Hund werden Sie schnell weniger interessant als die Leckerlis und Spielzeuge.
  20. Nur wenn der Hund sich mit seinem Rudelführer wohl und gut aufgehoben fühlt, ist er auch bereit mit seinem Halter zu kooperieren. Fühlt der Hund sich aufgehoben, ist es auch für den Hund einfacher mit möglichen Konfliktsituationen umzugehen.
    Der Hundehalter ist immer wach und vorausschauend, er sorgt für die Sicherheit des eigenen kleinen Rudels. So lernt der Hund, dass der Halter konsequent die Verantwortung übernimmt und der Hund kann sich auf ihn verlassen. Die Ruhe im Rudel wird bewahrt und der Hund kann mit zunehmender Sicherheit mehr Aufgaben übernehmen.
Welches der (unter Punkt 11 erwähnten) vier Verhalten zeigt Unix als er beim Pferd, welches den Weg fast blockiert, vorbeilaufen möchte?
FÜR EINEN VERANTWORTUNGSVOLLEN UMGANG MIT VERHALTENSAUFFÄLLIGkeiten

Das Verhalten der Caniden ist komplexer als Menschen oft wahrhaben wollen. Professionelle Kynologen und Hundetrainer haben schon lange erkannt, dass es keine Patentrezepte gibt, um Verhaltensauffälligkeiten zu neutralisieren. Zudem ist das Verhalten des Menschen am anderen Ende der Leine meist die Ursache für das Verhalten des Hundes – der Hund zeigt lediglich die Reaktion darauf. Wichtig erscheint mir deshalb auch, zwischen «störendem Verhalten» und «Verhaltensauffälligkeit» zu unterscheiden.

Deshalb muss nicht primär der Hund trainiert werden, sondern der Mensch. Damit es aber für den Hundetrainer einfacher wird, einen Hundehalter auszubilden, beobachtet ein kompetenter Hundetrainer das Verhalten eines Hundes und schaut, ob, wie und warum das Verhalten des Hundes eine plausible Reaktion auf das Verhalten des Hundehalters ist.

Genau so wie die erwähnten Gummibärchen das Fehlverhalten des Hundehalters nicht korrigieren können, sind Leckerlis keine omnipotente Medizin für die 70% der Hunde, die störendes Verhalten auf dem Spaziergang zeigen. Beide müssen durch Lernprozesse gehen.

Das erfordert Wissen, Können und Erfahrung von einem Hundetrainer und die ständige Bereitschaft, sich zum Thema Mensch und Hund weiterzubilden. Ein Hundetrainer lernt nie aus, ein Hundehalter auch nicht.

JEDER HUND HAT SEIN EIGENES VERHALTENSPROFIL

Die untenstehende Aufführung ist nicht abschliessend, sondern dient lediglich als Beispiel dafür, was jeder Hundetrainer, wie auch ein Hundehalter, verstehen müssen.

Erscheinung

Gemüt
Temperament
Energieniveau und -Typus
Selbstsicherheit
Unsicherheit(en)
Zufriedenheit


Ausdrucksverhalten

Körperspannung
Körpersprache
Mimik
Kommunikation
Signale
Konzentration


SOZIALVERHALTEN

Hund – Mensch
Hund – Hund
Hund – Tier

UMWELTVERHALTEN

Geräusche
Bewegte Reize
Stille Reize


Kooperationsverhalten

Bindung
Motivation für Bindung
Vertrauen Hund – Halter – Hund
Gehorsam
Kooperationsbereitschaft
Leinenverhalten
Abrufverhalten
Aufmerksamkeitsverhalten
Beute- und Jagdverhalten
Unterschiede bei räumlichen Distanzen Hund/Halter


SPIELVERHALTEN

Sozialfokus
Objektfokus

LERNVERHALTEN

Lernpräferenzen

Habituation (Gewöhnung)
Sensitivierung (Sensibilisierung)
Sozialisierung (Interaktion)
Klassische Konditionierung (Pawlow)
Operante Konditionierung (Skinner)
Instrumentelle Konditionierung («trial and error» oder Versuch und Irrtum)
Einsicht
Nachahmung
Geschmacksvermeidungslernen
Furchtkonditionierung
Unterscheidungslernen


RESSOURCENVERHALTEN

Futter / Nahrung
Territorium / Revier / Schlafplatz
Mensch
Sozialkontakt
Beute / Spielzeug

AGONISTISCHES VERHALTEN

Rivalität / Wettbewerb
Konkurrenz
Imponierverhalten
Drohverhalten
Submissionsverhalten
Territorialverhalten
Revierverhalten
Rangordnungsverhalten


AGGRESSIONSVERHALTEN

Objekt der Aggression
Angst-/Furchtbedingt
Unsicherheitsbedingt
Frustrationsbedingt
Ressourcenbedingt
Schmerzbedingt, auch medizinisch
Hormonell bedingt
Mensch / Sozialkontakt


SEXUALVERHALTEN

Wenn wir uns zusätzlich vorstellen, dass jedes einzelne Kriterium auf eine Skala kategorisiert werden kann, z.B. von 1 bis 5 (von unauffällig bis stark auffällig), sprechen wir von einer sehr grossen Anzahl Verhaltenstypologien eines Hundes.

Hundetrainer müssen diese Komplexität und Verknüpfungen erkennen, eine Anamnese richtig erstellen können und wissen, wie damit umgehen.

Auch müssen sie rechtzeitig erkennen, wenn sie das notwendige Wissen und Können nicht haben und einen Spezialisten dazu ziehen. Problematisch wird es dann, wenn man nicht weiss, dass man nicht weiss.

Aufmerksam und konzentriert beim Longieren, ohne Leckerlis – beide 🙂
«Leinenpflicht für alle» als ultimative Konsequenz des mangelnden Wissens und Könnens der hundetrainer und Hundehalter?

In der heutigen Zeit kommt in der Politik in der Schweiz immer wieder zu Sprache, eine obligatorische Leinenpflicht einzuführen, was ich zum Teil sehr gut verstehen kann. Allerdings würde man die Hunde für das mangelnde Wissen, Können und Einstellung der Hundehalter bestrafen, was weder korrekt noch artgerecht wäre.

Richard David Precht sagt zurecht: «Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden».

Die Hundehalter und Hundetrainer müssen erkennen, dass von ihnen mehr verlangt wird. Die Zielsetzung muss sein, dass sogar Nicht-Hundehalter sich über die zufriedenen und folgsamen Hunde freuen und nicht die Ausstellung eines Nachweises. Davon sind wir aber weit entfernt – ich bin sicher, die Hunde und Hundehalter würden sich aber auch darüber freuen.

 

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